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Nach der Messe auf Entdeckungstour durch Stuttgart

Nach der Messe auf Entdeckungstour durch Stuttgart

Die europäische Dachdecker- und Zimmererbranche trifft sich vom 2. bis 5. Februar 2016 auf der DACH+HOLZ International in Stuttgart.

Rund 600 Aussteller zeigen auf dem dortigen Messegelände ihre Produkte und Neuheiten. Auch nach einem spannenden Tag auf der Messe gibt es in Stuttgart jede Menge zu entdecken. Carola Franke-Höltzermann, Inhaberin der Agentur „ArchitekTouren“, stellt die Lieblingsorte und Geheimtipps in ihrer Stadt vor.

In Stuttgart bewegt sich einiges: Unübersehbar sind natürlich die Baustellen zum Projekt S21, die derzeit das Tempo der Landeshauptstadt Baden-Württembergs steuern. 2022 soll dort der unterirdische Durchgangs-Bahnhof eröffnet werden, die neue West-Ost-Achse des Zugverkehrs in Europa. Wo heute Gleisanlagen liegen, entstehen dann neue Stadtviertel und Grünflächen, doch das wird noch einige Jahre dauern.

Bereits heute bietet die Stadt eine ganze Menge. Den schönsten Blick über sie hat man vom Fernsehturm Stuttgart, der auf dem Hohen Bopser steht und mit seinem Sendemast eine Höhe von 217 Metern aufweist. Nach seiner Renovierung wegen fehlenden Brandschutzes ist er im Januar 2016 wieder geöffnet. Als erster Fernsehturm der Welt ist er das Urmodell aller weiteren Fernsehtürme und steht unter Denkmalschutz. Eröffnet wurde er am 5. Februar 1956. Die Idee stammte von dem Stuttgarter Ingenieur Fritz Leonhardt. Die schlanke Stahlbeton-Konstruktion mit dem darüber sitzenden silberglänzenden Korb für das Restaurant, die Aussichtsplattform und die technischen Sendeeinrichtungen erlangten von Beginn an viel Aufmerksamkeit und der Turm erwies sich schnell als Besuchermagnet. 2009 erhielt das Bauwerk eine Auszeichnung als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“. Ob sommerliches Grün, leuchtende Herbstfarben oder das weiße Winterkleid der Stadt – der weite Blick vom Turm lohnt sich zu jeder Jahreszeit. Die Fotokamera nicht vergessen!

Fest auf beiden Füßen sollte man für einen Ausflug auf den Aussichtsturm der Killesberghöhe stehen. Er versetzt sich bei frischem Wind und wenn ihn viele Menschen gleichzeitig besteigen in leichte Schwingungen. Der Turm besteht aus dem 40 Meter hohen zentralen Masten und einem an ihm aufgehängten, gewebten Stahl-Seilnetz. Für die Auf- und die Absteiger gibt es jeweils eine eigene Treppe. Der Turm wurde 2001 eröffnet und weitgehend finanziert durch den Verkauf der Stufen. Als Inspiration für die wagemutige Konstruktion dienten Schlaichs Kühlturmkonstruktionen, Fahrradspeichen, ein Brunnen im italienischen Orvieto und russische Stromleitungsmasten. Von allen Plattformen ergeben sich tolle Rundblicke: So sieht man beim Blick ins Neckartal Richtung Osten die Hauptzentrale von Mercedes-Benz und den gleich darüber aufsteigenden Württemberg, wo einst die Stammburg der Württemberger stand. König Wilhelm I. ließ die Reste der Burg 1824 abtragen, um die Grabkapelle für seine geliebte, früh verstorbene Frau bauen zulassen. „Die Liebe höret nimmer auf“, steht über dem Eingang. Rund um diese „Melancholie“-Rotunde befinden sich übrigens einige der besten Weinlagen.

Gleich nebenan befindet sich der berühmte Weißenhof, die Werkbundsiedlung von 1927 mit dem Häuser-Ensemble von Mies van der Rohe, Peter Behrens und Mart Stam und weiteren namhaften Architekten. Im Doppelhaus von Le Corbusier ist das Weißenhofmuseum beheimatet, in der man die Wohnsituation der damaligen Architektur-Utopien nachvollziehen kann. Temporär ist hier auch das erste Aktivhaus der Welt, das B10, aufgestellt für eine Versuchsphase des Büros Werner Sobek. Ein ausgeklügeltes Energiekonzept und eine selbstlernende Gebäudesteuerung sorgen dafür, dass das Haus das Doppelte seines Energiebedarfs selbst erzeugt.

In Stuttgarts Innenstadt lohnt sich ein Besuch in Markthalle. Hier gibt es feinste Köstlichkeiten in Gemäuern von 1914, mit reichhaltigen Jugendstil-Fassadenplastiken und Fresken verziert von Architekt Martin Elsässer. Die 60 Meter lange Halle wird von einer imposanten Stahlträgerkonstruktion überspannt, über der sich das Glasdach wölbt. Eine Stuttgarter Institution findet man im Haus an der Ecke zur Stiftskirche: die Weinhandlung Kreis, wo der Besucher internationale Weine verkosten und kaufen kann. Das Geschäft ist mehrfach prämiert für seine Innengestaltung. Das modulare Regalsystem kann 12.000 Flaschen Weine lagern und wurde vom ortsansässigen Design-Studio Furch entwickelt. Auf der anderen Seite der Markthalle befindet sich eine große Baustelle. Hier entsteht das neue Dorotheenquartier, eine elegante Einkaufswelt mit exklusiven Wohnungen. Die Pläne stammen vom Stuttgarter Büro Behnisch.

Unweit des Schlossplatzes ist das Haus der Katholischen Kirche an Stuttgarts Fußgängerzone in der Königstrasse; unscheinbar, aber ein echtes Kleinod im geschäftigen städtischen Konsumzentrum. Nur wer genau hinschaut, sieht, dass sich das erste Geschoss unauffällig in die Königstrasse schiebt; so wie Fachwerkhäuser Jahrhunderte lang gebaut wurden, um mehr Fläche zu gewinnen. Das schlanke Gebäude erstreckt sich 50 Meter tief als eine Passage. Im dort ansässigen Café der Stuttgarter Rösterei kann man bei einem guten Kaffee die im Blockinneren verborgene Dom-Längsfassade mit den Natursteinplatten vom roten Maulbronner Sandstein sehen.

2011 eröffnet und die größte ihrer Art in Deutschland ist die Stadtbibliothek Stuttgart. Die ganz in Weiß gehaltene Architektur des Architekten Eun Young Yi in ihrem Innern strahlt eine besondere Ruhe aus. Der sogenannte Herzraum, ein 15 Meter hoher leerer weißer Raum, ist ein Geschenk zum eigenen Innehalten in einer Architektur ohne Ablenkung. Auf der Dachterrasse kann man zu jeder Tageszeit den wunderbaren Blick über die Innenstadt und auf die Anhöhen Stuttgarts genießen. Und: Die Bibliothek ist bis 21 Uhr geöffnet. Natürlich kann Stuttgart auch mit seinen beiden Automobilmuseen – Mercedes-Benz in Bad Cannstatt und Porsche in Zuffenhausen – architektonisch punkten. Diese gehören zu den meist besuchten Touristenattraktionen. Die renommierten Büros UN Studio aus Amsterdam und Delugan Meissl aus Wien zeichnen für die bewegten und gewagten Bauwerke verantwortlich und wurden mit zahlreichen Preisen geehrt.

Nur eine Viertelstunde von der Messe entfernt entsteht auf einem alten Militärgelände seit Mitte der 1990er Jahre in der Gemeinde Ostfildern ein neuer Stadtteil: der Scharnhauser Park. Das Areal war in den 1930er Jahren auch im Gespräch für den Bau des Flughafens. Eines der interessantesten Häuser, 2012 eröffnet, ist das Forum Holz, ein Multifunktionsgebäude für den Verband des Zimmerer- und Holzbaugewerbes Baden-Württemberg. Ein Haus, das für den Baustoff Holz steht und gleichzeitig beste Werbung dafür macht. Ganz anders ist das Stadthaus von Jürgen Mayer H. in der Mitte des neuen Stadtteils: verzahnt, verkippt, ausgeschnitten und überinszeniert. Das Gebäude und sein Architekt gewannen renommierte Preise und der damalige Newcomer gilt inzwischen als einer der kreativsten deutschen Architekten. Sein imposanter „Metropol Parasol“ Sevilla ist eine der größten Holzkonstruktionen der Welt.

Zur Person
Carola Franke-Höltzermann M.A. ist Gründerin und Inhaberin der Agentur „ArchitekTouren“ Stuttgart und bietet mit ihrem Team Führungen durch Stuttgarts Innenstadt. Die Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin arbeitete viele Jahre in der Denkmalpflege und im Architekturbüro von Günter Behnisch. Hieraus entwickelte sie ihren eigenen Weg zur Vermittlung von Architektur und städtebaulichen Zusammenhängen. Weitere Informationen: www.architektouren-stuttgart.de.

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